Slapstick in Thüringen, oder: Wer die Wahl hat, quält alle.


Nach gefühlt hundert Wahlgängen hat Thüringen nun endlich so gewählt, wie es sich gehört. Also, nicht direkt die Thüringer selbst, die haben einfach nur ihre Stimme abgegeben. Aber die schlafmützigen Romantiker, die im Parlament sitzen, die haben es jetzt endlich hinbekommen. Gut, Pannen passieren überall – man muss nur naiv genug sein. Oder dumm genug. Naiv in Thüringen, wo man offensichtlich geglaubt hat, einen Fünf-Sitze starken »Mann der Mitte« ohne die Stimmen der AfD wählen zu können. (Wer sowas glaubt, der glaubt auch, das Tom Jerry in irgendeiner kommenden Folge irgendwann einmal fressen wird. Warum? Weil das eine eine Kater und das andere eine Maus ist). Und dumm, wie kürzlich in Hamburg, wo man offensichtlich nicht in der Lage war, Stimmzettel auf die korrekten Häufchen zu packen. Bei der Wahlparty der FDP wäre ich gerne dabei gewesen.


Aber gut. Ich will die Vorgänge hier nicht weiter kommentieren, das Thema ist eigentlich durch. Aber mir fiel auf einmal ein, dass ich über Wahlen schon vor ein paar Jahren einen Redeschwall abgegeben habe. Und wenn man es genau bedenkt, hat sich eigentlich bis heute nichts verändert. Damals gab es zwar noch keine AfD, aber die Wahlplakate waren ähnlich blöde wie die heute.


Deshalb und aus gegebenem Anlass, kann man den Blog-Beitrag von damals hier noch einmal nachlesen – und zwar unter der Überschrift:


»Hinterhofgespräche, Hamburg-Wahl, abgeschnittene Köpfe... Und nu?«

vom 31. Januar 2011.


Lang ist's her, aber versuchen wir uns, zu erinnern.



Auf Sylt ist man wenigstens an der frischen Luft: Ole von Beust in den Dünen ...

Für alle Leser, die nicht aus Hamburg kommen: Wir wählen wieder! Was?!? Aber ihr habt doch gerade erst?! Ich weiß. aber was soll man machen. Nötig wurde die Wahl, weil der damals amtierende Bürgermeister lieber auf Sylt ein bisschen rumschlingeln wollte, als in sich in Hamburg im Rathaus an die Karre fahren zu lassen. Wegen diesem oder … dem anderen da! Egal. Fakt ist, das Stimmvieh ist wieder gefordert. Also wählen wir.

Nun bin ich also vorgestern so durch Hamburg gefahren und habe mich ein wenig berauschen lassen von der Vielzahl der Wahlplakate, die überall rumhängen, rumstehen und anderweitig angebracht sind. Und hätte meine Frau mich nicht angeschrien, wäre ich beinahe in den Vordermann gerauscht, weil mein Blick auf ein Wahlplakat der CDU fiel: «UNSERE BILANZ FÜR HAMBURG: KRIMINALITÄT MINUS 25%. UND NU?« stand da geschrieben. Au weia!


Ok, ich gebe zu, mit Wahlkampagnen ist das immer so eine Sache. Immerhin muss es den Machern gelingen, sich auf ein derart niedriges Niveau runterzudenken, dass wirklich jeder Vollpfosten, der an den Plakaten vorbeistolpert, in der Lage ist, zu verstehen, was da geschrieben steht. Aber auch eine Wahlkampagne ist Werbung und es gibt ein paar grundsätzliche «So nicht«-Kriterien, die man unbedingt beachten sollte. Dazu gehört zum Beispiel: Stelle niemals eine Frage, die jemand missverständlich (und das heisst «nicht in deinem Sinne«) beantworten könnte! Mal ganz abgesehen davon, dass die Frage «Und nu?« bei jedem gerade freigekommenem Knastbruder die Antwort impliziert «Super, dann können wir ja wieder!«, ist sie per se eigentlich eine Frechheit und gehört den Verantwortlichen um die Ohren gehauen. Denn der Wähler kann ja nun nur zu dem Schluss kommen, dass Christoph Ahlhaus, seines Zeichens amtierender Erster Bürgermeister der Hansestadt Hamburg (aus Versehen, wohlbemerkt!) und CDU Spitzenkandidat in Hamburg, nicht den blassesten Hauch einer Ahnung hat, was er denn nun machen soll, nachdem 25% der Hamburger Kriminellen offensichtlich zu doof waren, sich nicht schnappen zu lassen. Und mehr noch: Er entblödet sich auch noch, den Bürger zu fragen, was er denn nu tun soll? Das erfüllt einen dann doch mit Sorge. Über die Tatsache, dass das Wort «nu« offensichtlich kumpelhaft rüberkommen soll (seit wann sind Bürgermeister unsere Kumpels?) muss der Praktikant der Agentur diese Kampagne offensichtlich nach dem Morgengebet getextet haben, denn eigentlich muss das doch «nun« heißen, oder war da kein Platz mehr auf dem Plakat? Man munkelt übrigens, dass dieses Plakat gar keine Agentur verzapft hat, sondern eine Idee aus der CDU-Fraktion sei. Nun, das kann ich nur inbrünstig hoffen.



Es gibt viele Gründe, Rot-Grün zu wählen. Das sind offensichtlich nur zwei ...

Aber damit nicht genug. Gleich um die nächste Ecke schreit mich auf einem 18/1-Plakat folgende Botschaft an: WER CITYMAUT UND NEUES SCHULCHAOS WILL, MUSS ROT-GRÜN WÄHLEN. Ach so ist das. Das habe ich nicht gewusst. Ich dachte schon, ich müsste dann gerade die CDU wählen, denn der haben wir das Schulchaos immerhin zu verdanken, und jetzt weiss keiner so genau, wie das hier jetzt weitergeht mit der Primaten… ähh…’tschuldigung … Primarschule.

Witzigerweise hat sich die CDU damals (was heisst damals, das war letztes Jahr!) von einem gewissen Walter Scheuerl vorführen lassen, derselbe, der jetzt auf der CDU Wahlliste steht. Ich nehme einmal an, dass das mit der Gründung der eigenen Partei nicht rechtzeitig geklappt hat. Na egal, dann eben das nächste mal, Walter.



Auch die Grünen gaben schon mal eine Wahlempfehlung an Unentschlossene. Aber irgendwie doch anders ....

Aber es ist immerhin nett, dass man uns hier eine Wahlanleitung gleich mitliefert. Eine Wahlanleitung, die normalerweise nur ganz alten und bettlägerigen Mitbürgern im Seniorenstift zuteil wird, die nicht wissen, wo sie ihre Kreuze machen sollen. Meine Frau konnte mich übrigens nur unter Androhung von häuslicher Gewalt davon abringen, sofort meinen Edding (ja, sowas führe ich in Wahlzeiten immer bei mir) zu zücken und ein OK, MACHEN WIR! unter das Wahlplakat zu klieren.



Hinterhofgespräche mit Verbrechervisage: Da bekommt der Wähler Angst ... aber wenigstens erklärt uns mal einer etwas.

Gleich neben der Wahlanleitung dann gleich noch ein schnelles kurzes Plakat, dass offensichtlich Bürgernähe implizieren soll. Hinterhofgespräche mit Robert Heinemann, (der Mann hat eine eigene Webseite, ich fasse es nicht!) verfassungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft, von dem sich jeder gerne mal das neue Wahlrecht erklären lässt. Nun muss ich zugeben, dass Robert sich nicht gerade vorteilhaft hat ablichten lassen, starrt einen doch das Gesicht eher wie eine gemeine Verbrechervisage an, und nicht wie jemand, von dem auch meine Oma (96) sich erklären lassen möchte, wo sie denn nun ihre 20 Kreuze (4 x 5 = 20) machen soll. Schon gar nicht in einem Hinterhof. Da hätte die Agentur aber auch mal drauf achten können. Gut, meiner Oma ist das egal, denn die wählt seit fast 100 Jahren ohnehin nur die CSU? Warum? Weil Sie in Bayern wohnt.



Olaf Scholz, Spitzenkandidat der Hamburger SPD und die Hände lässig in den Hosentaschen: So locker kann man Bürgermeister werden. Muss man aber nicht ...

Allerdings würde meine Oma wahrscheinlich auch dem SPD Spitzenkandidaten Olaf Scholz eher aus dem Weg gehen. Zumindest wenn er so daherkommt, wie auf den Wahlplakaten der SPD. Der Mann guckt weder verschmitzt noch souverän, sondern irgendwie unsicher. Wahrscheinlich fragt er sich gerade, wo seine Hände sind und warum sein Kopf oben angeschnitten ist. Und weil der Agentur überdies auch noch alle Texter krank geworden sind, steht nur ein einziges Wort auf dem Plakat: Klarheit… wenigstens hat der Layouter das Wort noch unterstrichen, damit es da nicht so alleine rumschwebt und damit auch wirklich klar ist, dass da nichts mehr kommt.


Was ich wähle? Nun ja, ich bin ja politisch so interessiert und so offen, dass ich bei der letzten Wahl wieder mal alles angekreuzt habe. Diesmal weiss ich es noch nicht so genau. Aber, mal ganz ehrlich, wenn ich wirklich die Wahl hätte, dann würde ich das so machen, wie Ole: Ich würde auch Sylt wählen!


In diesem Sinne: Rüm hart, klaar kimming!


Nochmal zur Info: Die schwarz-grüne Koalition zerbrach damals, nachdem die Senatoren der GAL im November 2010 ihren Rücktritt erklärt hatten. Am Ende führte die Wahl zu einer absoluten Mehrheit (ja, liebe Kinder, sowas gab es damals noch) der SPD, die mit Olaf Scholz den Bürgermeister stellte. Um die allgemeinen Verwirrungen komplett zu machen, wurde 2011 gleich noch ein neues Wahlrecht eingeführt, das den Wähler offensichtlich intellektuell derart herausforderte, dass die Wahlbeteiligung mit 57,3 noch deutlich unter dem bislang schlechtesten Ergebnis 2008 blieb. Eine Meisterleistung, muss ich zugeben.


Mit demokratischen Grüßen

Kai-Michael Schmuck

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