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Tag 7: Das Massaker am Nordkap


Geschafft – das Nordkap bei Tageslicht. Warum man da am Spätabend hin muss, weiß nur Julie.
Geschafft – das Nordkap bei Tageslicht. Warum man da am Spätabend hin muss, weiß nur Julie.


Der Balkon-Ausblick, der sich nur in Details von vorigen Bildern unterscheidet. Richtung Norden.
Der Balkon-Ausblick, der sich nur in Details von vorigen Bildern unterscheidet. Richtung Norden.

"Heute soll die Glocke werden. Frisch, Gesellen, seid zur Hand. ... – es ist so weit, heute erreichen wir das Nordkap, das eigentliche Ziel unserer Reise. Nur Gott (und wahrscheinlich Julie) weiß, warum wir die Nachmittagstour gebucht haben. Wahrscheinlich, damit wir der Verkostung der Königskrabben beiwohnen können, die um 12 Uhr beginnen sollte. Also genug Zeit für ein kurzes Frühstück für Spätaufsteher (angesetzt von 10-12 Uhr in der Observation Lounge (ich)) und schwimmen im Pool (Julie). Die "Bauch-Beine-Po"-Session um 9 Uhr im Sports-Club (Deck 8) musste auch dieses Mal wieder ohne mich auskommen – viel zu früh angesetzt!!


Sei's drum – um 12 Uhr ging es per Bus durch eine doch eher karge Schneelandschaft bis zu einem kleinen Ort, dessen Name hier nicht weiter wichtig ist. Und weil wir gerade bei Namen sind: Wenn ich gewusst hätte, gegen welchen meiner wichtigsten Grundsätze, den ich seit der Serie "Flipper, der kluge Delphin" quasi zu meinem Lebensmotto gemacht habe ("Nichts essen, was auf einen Namen hört!"), ich ebendort verstoßen sollte, hätte ich diesen Horrortrip ausgelassen. Aber der Reihe nach.

Nachdem der Bus mitten in der Einöde am Straßenrand in einer Schneewehe zum Stehen gekommen war und sich ca. 30 Schaulustige aus dem Bus geschält und den Hang abwärts geschliddert sind (ein lustiger Anblick), versammelte man sich auf einer Art Bootssteg an einem sog. Fischausnehmeplatz, wo wir von einer zahnlosen deutschen Frau mittleren Alters aufs Herzlichste begrüßt wurden. Dann machten wir Bekanntschaft mit einer Königkrabbe namens Ottilie.



Freundlich ist anders: Ottilie war wenig erfreut, uns zu sehen. Zudem fehlte ihr ein Bein.
Freundlich ist anders: Ottilie war wenig erfreut, uns zu sehen. Zudem fehlte ihr ein Bein.

Ottilie blickte mehr oder weniger unfreundlich drein. Ich nahm an, es lag daran, dass sie nur noch sieben anstatt acht Beine hatte (für die Biologen unter uns: die Scherenbeine habe ich nicht mitgezählt). Die Zahnlose erklärte uns, dass offensichtlich Ottilies Artgenossen weit weniger zimperlich miteinander umgingen, als unsereins und ihr das Bein kurzerhand abgefressen hatten. Das allerdings sei kein Grund zur Beunruhigung, fügte die Frau hinzu, denn das fehlende Bein würde nach einiger Zeit wieder nachwachsen. Sie schloss mit der folgenschweren Anmerkung, dass Ottilie diese Zeit aber nun naturgemäß nicht mehr hätte. Padautz! Was sollte das heißen? Richtig! Der klärende Blick auf das Tagesprogramm der HANSEATIC Spirit machte es deutlich: "LA 041 - Verkostung von Königkrabben!" Heißt so viel wie: Wir essen Ottilie!! Nun gut, damit hätte ich noch leben können, nicht aber mit der detaillierten Veranschaulichung, wie genau man eine Königskrabbe meuchelt und für die spätere Verkostung zubereitet. Es war nicht zu erwarten, dass die Zahnlose dafür den Friedensnobelpreis bekommen würde, das war klar. Schon beim ersten Kracks-Geräusch (verursacht durch einen gezielten Stich in das Nervenzentrum der Krabbe) wandte ich mich schaudernd ab und verkroch mich hinter eine der Holzbaracken, die die Meuchelmörder dort hingeschludert hatten. Die Frau erklärte jeden einzelnen Handgriff, wie man das Tier zerlegt... und was man davon essen kann. Nur die Beine! Na super.


Es hätte mich nicht gewundert, in irgendeiner Ecke auf Machete Cortez zu treffen, der uns nach dem Massaker das Königskrabben-Mahl fein säuberlich in kleinen Häppchen zubereitet.
Es hätte mich nicht gewundert, in irgendeiner Ecke auf Machete Cortez zu treffen, der uns nach dem Massaker das Königskrabben-Mahl fein säuberlich in kleinen Häppchen zubereitet.

Draußen kalt, drinnen roch es nach Feuer, Kaffee, Fell und abgehackten Beinen: In den zeltähnlichen Barracken wurden Königskrabben gereicht. Mit Brot und Soße.
Draußen kalt, drinnen roch es nach Feuer, Kaffee, Fell und abgehackten Beinen: In den zeltähnlichen Barracken wurden Königskrabben gereicht. Mit Brot und Soße.

Nach dem Massaker lud man uns freundlich in zwei sämischen Hütten nachempfundenen Gebäuden ein, wo wir nun dann also von den Königskrabben kosten durften. Nichts für mich. Ich hielt mich an das reichlich gereichte Brot mit Tunke. Die unglaubliche Hitze, die durch ein offen-loderndes Feuer verursacht wurde, ließ mich kurz darüber nachdenken, ob es sinnvoll wäre, meine Arktis-Schuhe auszuziehen. Aber dann dachte ich daran, welche Mühe es mir machte, sie Dinger überhaupt anzuziehen, habe ich diesen Gedanken flugs wieder verworfen.

Laaaaaaaangweilig. Man sieht Dorti und Julie irgendwie an, dass sie Ottilie lieber selbst verzehrfertig gemacht hätten. Schade.
Laaaaaaaangweilig. Man sieht Dorti und Julie irgendwie an, dass sie Ottilie lieber selbst verzehrfertig gemacht hätten. Schade.

Der Verzehr der Gebeine einer Königskrabbe sieht nach echt harter Arbeit aus. Und genau so ist es auch.
Der Verzehr der Gebeine einer Königskrabbe sieht nach echt harter Arbeit aus. Und genau so ist es auch.

Dann ging es rein in den Bus und zurück zum Schiff – das hausgemachte Softeis (Geschmacksrichtung "Solero") wartete auf mich. Für die hausgemachten Waffeln, die wie immer am Pooldeck gereicht wurden, hatte ich dann nur noch 30 Minuten Zeit, denn Punkt 15:30 ging es los zum Besuch des Nordkaps, das eigentliche Ziel der Reise. Endlich.


Auch hier will ich nicht versäumen, diesen Blog dazu zu nutzen, mit Mythen und Halbwahrheiten aufzuräumen. Diesmal für die Geografen unter uns: Das Nordkap gilt zwar als der nördlichste Punkt Europas, aber streng genommen ist das nicht korrekt. Es ist eher eine Mischung aus Marketing, Geografie und Mythos. Hier ist die ganze Geschichte:

Das Nordkap (norwegisch: Nordkapp) liegt auf der Insel Magerøya in Nordnorwegen und ist eine steil aufragende Klippe, die dramatisch ins Nordpolarmeer abfällt. Es ist ein beliebtes Touristenziel, das mit dem Auto gut erreichbar ist – was sicherlich zur Legendenbildung beigetragen hat. Viele Reisende stellen sich dort auf die Klippe und fühlen sich, als stünden sie "am Ende der Welt".

 

Aber jetzt zur ungeschönten Wahrheit: Der wirklich nördlichste Punkt Europas ist ein schmaler Felsvorsprung etwa 1,5 Kilometer nordwestlich vom Nordkap, der ebenfalls auf der Insel Magerøya liegt und den eingängigen Namen Knivskjellodden trägt. Dieser Felsvorsprung ist rund 1.400 Meter nördlicher als das Nordkap und damit – rein geografisch – der nördlichste Punkt des europäischen Festlands, wenn man Inseln dazuzählt. Allerdings: Knivskjellodden ist nicht per Straße erreichbar, sondern nur über eine etwa 9 Kilometer lange Wanderung – und da der Mensch in der Regel zu faul ist, 9000 Meter zu laufen, ist nach wie vor das Nordkap der nördlichste Punkt.


Und wenn wir ganz, ganz streng sein wollen...

Dann kommt ein weiterer Ort ins Spiel: Kap Fligely auf Franz-Josef-Land in der russischen Arktis. Es liegt auf unglaublichen 81°48′24″ nördlicher Breite – und gilt geologisch noch als Teil Europas. Da dieses Kap aber nur mit Expeditionsschiffen oder Helikoptern erreichbar ist und irgendwo zwischen „Eiswüste“ und „Hier gibt’s kein WLAN“ liegt, keine wirklich gute Option. Außerdem liegt es in Russland. Das Nordkap ist damit ein geografischer Kompromiss – aber ein verdammt schöner.


Aber zurück zu unserem Trip. Ca. eine Stunde durch eine leichte Schneelandschaft auf verschnörkelten Wegen, es dämmerte bereits. Ich dämmerte ebenfalls, aber vor mich hin. Das Massaker hatte mich offensichtlich schläfrig gemacht, weshalb ich den Moment verpasste, an dem wir einen von Norwegens größten Vogelfelsen passierten, den Gjesværstappan, der eine beeindruckende Vielfalt an Vogelarten beheimatet. Hier leben fast eine Million Papageientaucher, zahlreiche Basstölpel, Kormorane, Dreizehenmöven, Trottellummen und nordatlantische Eissturmvögel. Nicht, dass ich ornithologisch recht bewandert wäre, aber als alter Tierfreund hätte ich die schon gerne gesehen. Aber selbst, wenn ich nicht eingeschlafen wäre – im Dunkeln sieht man nichts, Julie!

Egal. Endlich waren wir am Nordkap. Weil es so dunkel war und überdies auch noch ein kleiner Schneesturm wütete, waren wir auf dem gefühlt 400 Quadratkilometer großen Parkplatz recht allein mit unserem Bus. Also sind wir sofort rein in das echt moderne Besucherzentrum, das auch ein Restaurant und ein Museum beherbergt. Aber davon haben wir uns nicht ablenken lassen so kurz vorm Ziel. Also sind wir durchmarschiert durch das Besucherzentrum, schnell durch die hintere Tür – und zack! ... draußen war es so voll wie beim Sommerschlussverkauf bei Hertie in den 70er Jahren. Ich fragte mich ernsthaft, ob die alle mit dem Ruderboot da waren, denn der Parkplatz war leer. Sei's drum, wir haben uns in die Schlange gestellt und dann ein Foto gemacht... so, wie man das eben macht am Nordkap.

Meine Mutter hat mir zwar immer gesagt, ich soll mich nicht immer so anstellen, aber das ging hier nun wirklich nicht. Was tut man nicht alles für ein Foto.
Meine Mutter hat mir zwar immer gesagt, ich soll mich nicht immer so anstellen, aber das ging hier nun wirklich nicht. Was tut man nicht alles für ein Foto.
Kätzle, Dorti und Julie posieren für das Foto vor dem Globus, dem Wahrzeichen des Nordkaps.
Kätzle, Dorti und Julie posieren für das Foto vor dem Globus, dem Wahrzeichen des Nordkaps.

Ein kurzer Snack, Schnelldurchgang durch das Museum und dann noch schnell die Postkarte direkt vom Nordkap an die Lieben zu Hause einwerfen, die diesmal alle selbst mit waren. Egal. Die Zeit war um, der Bus abfahrbereit – und ich war glücklich, konnte ich doch wieder ein Vorhaben auf meiner Bucket-List abhaken. Ich war am Nordkap.


Die Rückreise zum Schiff war eher unspektakulär und vor allem dunkel. Am Hafen angekommen, ging es sogleich in die Kabine, um die Abendroutine einzuläuten. Duschen, kurzer Nap, umziehen und dann ab zum Essen. Diesmal ...wie immer ... ins HANSEATIC Restaurant – während die HANSEATIC spirit Kurs auf Alta nahm. Ein leckeres Menü, unterbrochen von einigen Gängen in die Raucher-Lounge. Die Pralinen zum Abschluss machten meinen Tag vollkommen. Das Abendprogramm diesmal nicht. Auf die Frage, ob ich nicht Lust hätte auf die "Hits aus den letzten 60 Jahren der Rock- und Pop-Musik", dargeboten von Herrn Thust (Deck 4) oder die Pianomusik zum Tagesausklang (Ozeanpianist A. Gorlenko musizierte auf Deck 8), antwortete ich mit Goethe (Faust, der Tragödie 1. Teil, Studierzimmer-Szene, Vers 1867): "Nein." (Das ist doch das mindeste, wenn man schon mit Schiller anfängt, Ami.)

Stattdessen haben wir uns auf dem Observationdeck vergnügt. Aber nicht sehr lange, denn morgen sollte es anstrengend werden: Hundeschlittenfahrt – mit einer großen Überraschung, die man so nicht erwartet hätte – vor allem Lotta nicht. Aber dazu mehr an Tag 8.





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